Elena Ferrante
Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

Giovanna ist zwölf und Einzelkind, die Eltern sind Lehrer, die Familie wohnt in einer Eigentumswohnung im vornehmen Teil Neapels, geografisch und sozial also "oben", auf den Hügeln, im Rione Alto.

 

Elena Ferrante, Das lügenhafte Leben der Erwachsenen. Roman. SuhrkampBrutaler Schock

Hier leben die gut situierten Neapolitaner, im Gegensatz zur "unteren" Zona Industriale, den Stadtvierteln der armen, sozial schwachen und bildungsfernen Einwohner Neapels. Das junge Mädchen vergöttert den Vater, seine feine Art, seine elegante Kleidung, sein gutes Aussehen und seinen liebevollen Umgang mit ihr, seine  Komplimente. Umso brutaler ist der Schock, als sie ihn eines Tages zu ihrer Mutter sagen hört, sie sei sehr hässlich und:
"Sie kommt nun ganz nach Vittoria ... So erfuhr ich mit zwölf Jahren aus dem Munde meines Vaters, der sich bemühte, leise zu sprechen, dass ich nun wie seine Schwester wurde, eine Frau, die - das hatte ich von ihnen gehört, seit ich denken konnte – die Hässlichkeit und die Boshaftigkeit in Person war."

Vulgäre Tante

Giovanna ist in einem schwierigen Alter, ihr Körper verändert sich, sie ist verunsichert, schämt sich, sucht väterliche Anerkennung. Der Vergleich erschüttert sie zutiefst, denn "der Name Vittoria klang bei uns zuhause wie der eines Monsters." Die unbekannte Tante ist Teil jener Vergangenheit, die der Vater meinte, hinter sich gelassen zu haben. Aber nun holt die Tochter sie zurück. Sie will Vittoria kennenlernen, steigt buchstäblich hinab in die Niederungen der Familie, lernt eine raue, aggressive, aber auch attraktive Vittoria kennen, die nichts gelernt hat und als Putzfrau arbeitet. Sie spricht Dialekt, ist grob, schamlos und vulgär. Giovanna fühlt sich von ihrer Energie magisch angezogen. Mit ihrem klapprigen Cinquecento kutschieren die beiden durch Neapel, diese chaotische Stadt, die uns Elena Ferrante so lebendig und atmosphärisch in "Meine geniale Freundin" beschrieben hat. Diesmal spielt sie nur eine Nebenrolle. Umso mehr bringt sie uns die Menschen nahe, eine Vielfalt von Charakteren, die stets mehrfach in Beziehung zueinander stehen. Denn die Tante stellt ihre Nichte stolz all' ihren Verwandten vor, auch Frau und Kindern ihres ehemaligen Liebhabers Enzo, der längst tot ist. Und sie mag Giovanna: "Du und ich, wir sind vom gleichen Schlag."

Zwischen zwei Welten

Giovanna identifiziert sich zunehmend mit Vittoria und dieser fremden und bislang verleugneten Familie ihres Vaters, erlebt die schwierige Zeit der Pubertät, die Selbstzweifel, das "Bin ich schön", erste sexuelle Gefühle, die Suche nach dem Ich zwischen zwei gegensätzlichen Welten:
"Die einen wollten nachprüfen, ob die Welt, der ich mich gerade zuwandte, wirklich spannender war als die, in der wir lebten, und die andere schien kurz davor zu sein, mich aus jener Welt zu verbannen. Und so fühlte ich mich nunmehr farblos in meiner Familie, farblos bei Vittoria und ohne ein ehrliches Gesicht bei meinen Freundinnen. In dieser Stimmung begann ich, fast ohne mir dessen bewusst zu sein, allen Ernstes meinen Eltern nachzuspionieren."
Und da zerbricht ihre heile Welt vollends: Beim Essen beobachtet sie den besten Freund des Vaters, wie er unterm Tisch mit dem Fuß den der Mutter zärtlich berührt. Als sie sich schließlich in Roberto verliebt, den schönen, sanften jungen Mann mit den blauen Augen, der es noch einen Schritt weiter, nämlich nach Mailand an die Uni geschafft hat, könnte sie wiederholen, was sie mehrfach erlebt hat: ihn seiner Verlobten ausspannen, die ihre Freundin geworden ist.
"Wenn ich Giulianas Vertrauen missbrauchte, würde ich tatsächlich werden wie meine Tante, die Margheritas Leben zerstört hatte, und auch, warum nicht, wie ihr Bruder, mein Vater, der das Leben meiner Mutter zerstört hatte. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ich war Jungfrau und wollte meine Unschuld in dieser Nacht mit dem einzigen Menschen verbringen, der mir dank seiner enormen Autorität als Mann eine neue Schönheit zuerkannt hatte."

Heuchelei und Rache

Auch in diesem Roman, dem ersten nach ihrem Welterfolg "Meine geniale Freundin", verfolgt die Autorin die Entwicklung einer jungen Frau zwischen "oben" und "unten", zwischen Bildungsbürgertum und Proletariat, die sich orientieren und in ihrem Umfeld spiegeln und wiedererkennen, dabei den Männern gefallen will und sich nicht mit purem Begehren begnügt. Sie stößt auf komplizierte und verstörende Zusammenhänge, auf Lüge und Vertuschung und entdeckt all' die Risse hinter den Fassaden derer, zu denen sie Vertrauen hatte, die aufgestiegen sind und ihre Wurzeln verleugnen wollen. Heuchelei, Rache und Überheblichkeit gibt es auch im anderen, "peinlichen" Teil der Familie, der Giovanna aber stets liebevoll begegnet.
Ferrantes Figuren pendeln zwischen sozialer Herkunft und gefühlter Zugehörigkeit, die Autorin beschränkt sich auf gesellschaftliche Hintergründe - um politische Einbettung und Entwicklung geht es ihr diesmal nicht. Sie konzentriert sich auf das Innenleben ihrer Hauptfigur, ihre Suche nach Identität, auf die Irrungen und Wirrungen der Pubertät. Giovanna entwickelt ein ausgeprägtes Gespür für Oberflächlichkeit und hochtrabenes Gerede, beginnt selbst zu lügen, um sich Freiheiten zu nehmen, und schließlich gelingt es ihr, eine vorsichtige Balance zwischen beiden Welten für sich zu schaffen. Da ist sie sechzehn.

Üppiges Panorama

Es ist ein üppiges gesellschaftliches Panorama, das Elena Ferrante in diesem fesselnd erzählten Roman auffächert, der – nach dem Welterfolg "Meine geniale Freundin" vielen Vergleichen standhalten muss. Aber es ist eben nicht der fünfte Teil der neapolitanischen Saga, sondern eine ganz andere Geschichte, die durchaus weitererzählt werden könnte.
(Christiane Schwalbe)

Elena Ferrante ist das Pseudonym einer anonymen Bestsellerautorin, die in Neapel geboren ist und als wichtige Vertreterin zeitgenössischer italienischer Literatur gilt.

Elena Ferrante "Das lügenhafte Leben der Erwachsenen"
aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger
Roman, Suhrkamp 2020, 414 Seiten, 24 Euro

Weitere Buchtipps zu Elena Ferrante, alle bei Suhrkamp:
"Tage des Verlassenwerdens"
"Frantumaglia" - Mein geschriebenes Leben
"Frau im Dunkeln"
"Lästige Liebe"
"Die Geschichte des verlorenen Kindes" Band 4 - der Neapolitanischen Saga
"Die Geschichte der getrennten Wege" Band 3 - Erwachsenenjahre
"Die Geschichte eines neuen Namens" Band 2 - Jugendzeit
"Meine geniale Freundin" Band 1 - Kindheit und frühe Jugend