Han Kang
Weiß

Das erste Kind ihrer Mutter starb zwei Stunden nach der Geburt, das Mädchen kam zwei Monate zu früh. Für die Mutter bleibt ihr Tod lebenslang ein Trauma.

 

Han Kang, Weiß. Aufbau VerlagZwischen Leben und Tod

Für die Tochter, Han Kang, eine prägende Geschichte, ein Familientrauma, das sie nicht losläßt. Sie beschließt, über weiße Gegenstände zu schreiben, macht sich eine Liste. Darauf stehen neben Salz, Schnee und Eis auch Wickeltuch und Babyhemdchen, Schaumkronen, Lilienmagnolien, weißer Vogel, weißes Lächeln, blankes Papier und Totenhemd. Leben und Tod beginnen weiß:
"Ohne Wenn und Aber wage ich den Schritt in eine Zeit, die ich noch nicht gelebt habe, und in ein Buch, das ich noch nicht geschrieben habe."

Mondförmiger Reiskuchen

Die Mutter war damals zweiundzwanzig, in einem kleinen Dorf allein zuhause, Hilfe gab es nicht, Aber sie erinnert sich, dass das Kind sehr hübsch gewesen war,
"ein Mädchen, mit einem Gesicht wie ein weißer, mondförmiger Reiskuchen", das noch "die schwarzen Augen öffnete und den Kopf in ihre Richtung drehte."
Ein Jahr danach hat ihre Mutter eine weitere Frühgeburt, ein Junge, auch er stirbt. Dann wird sie selbst geboren.
"Hätten diese beiden Leben die kritische Zeit sicher überstanden, würde es mich, die drei Jahre danach geboren wurde, nicht geben."
Das Trauma der Mutter mündet in die Schuld der Tochter, am Leben zu sein, denn durch ihre Kindheit zieht sich die Klage der Mutter.

Flucht in die Kälte

Han Kang verbringt den Winter in einer namenlosen Stadt in Europa, in Schnee und Kälte. Sie begibt sich in eine Isolation, eine Flucht ins "Zentrum meines Innenlebens". Dort beginnt eine Spurensuche nach dem Sinn des Lebens, sie findet Erinnerungen, sucht im Alltag und in der Natur Symbole und Metaphern für Leben, Tod und Vergänglichkeit – weiße Kerzen, die herunterbrennen, Schneeflocken, die herabsegeln und schmelzen, vergilbte Farbe, die sie weiß überstreicht, zarte Eisblumen an den Fenstern, die wieder verschwinden, weiße Schmetterlinge, Wellen, die sich brechen und in weiße Gischt verwandeln, das kalte Weiß des Mondes hinter dunklen Wolken, weiße Nächte, weißer Dampf von frisch gekochtem Reis:
“In allen weißen Dingen werde ich dich spüren und für dich weiteratmen.”

Reinweiß für die Seele

"Stirb nicht, bitte stirb nicht", betete die Mutter noch flehentlich - “lebe” ergänzt irgendwann die Autorin. Sie meditiert über diese Worte, sucht in kurzen, formal und sprachlich ganz unterschiedlichen Texten mal assoziativ, dann wieder beobachtend, reflektierend oder erinnernd nach Orientierung, Trost, auch nach Antworten darauf, warum die Schwester nicht leben durfte. Es ist ein ungewöhnliches, sehr persönliches Buch, schmerzhaft, berührend und traurig, voller Melancholie, mit großer poetischer Kraft geschrieben. Irgendwann stellt sie sich vor, dass sie gar nicht merken könnte, wenn die Seele ihrer Schwester sie besuchen würde. Die Kleine hatte doch gar keine Zeit gehabt, sprechen zu lernen. Und sie verspricht:
"Ich werde dir nur weiße Dinge geben.
Weiße Dinge, die nicht beschmutzt wurden.
Nur reinweiße Dinge will ich dir geben.
Ich werde nicht länger hinterfragen,
ob es richtig ist, dir dieses Leben zu geben."
(Christiane Schwalbe)

Han Kang, *1970 in Südkorea, wichtigste Schriftstellerin Koreas, 2016 mit dem Man Booker International Prize für “Die Vegetarierin" ausgezeichnet, lebt und lehrt in Seoul

Han Kang "Weiß"
übersetzt aus dem Koreanischen von Ki- Hyang Lee
Aufbau Verlag 2020, 151 Seiten, 20 Euro
eBook 14,99 Euro

Weiterer Buchtipp zu Han Kang
Die Vegetarierin