Jakob Hein
Hypochonder leben länger
und andere gute Nachrichten aus meiner psychiatrischen Praxis

Dieses Buch ist nicht nur, aber auch ein heiterer Ratgeber, in dem Jakob Hein Tipps und Tricks verrät, wie man mit psychischen Konflikten umgeht. Der Autor zahlreicher vergnüglicher Romane ist nicht nur Schriftsteller, sondern seit mehr als zwanzig Jahren Psychiater.

 

Jakob Hein, Hypochonder leben länger. Galiani BerlinBärtige Männer und Irrenhäuser

Und zwar einer, der sich nicht für Antworten zuständig fühlt, sondern zunächst mal für Fragen derer, die zu ihm kommen und nicht wissen, wie sie mit schwierigen Lebenssituationen umgehen sollen. Dabei kennt er die Vorurteile, die viele Menschen gegenüber seinem Berufsstand hegen, ziemlich genau:
"Als Psychiater musst du damit leben, dass die Leute ein klares Bild von deiner Arbeit haben. Genau genommen sind es zwei Bilder: erstens der vollbärtige, mindestens wunderlich zu nennende, ältere Herr, der neben der Couch dämmert, auf der gerade eine Dame mittleren Alters ihre auf eine sexuelle Minderbetätigung zurückzuführende Lebenskrise ausbreitet ... Das zweite Bild ... ist das eines weiß bekittelten Sadisten, der in einem Irrenhaus am Rande der Stadt hinter geschlossenen Türen arbeitet."

Angstfrei leben

Und voller Stereotypen ist auch das, was als psychisch krank gilt und was Menschen in Krisensituationen zum Psychiater treibt. Ob frühe Kindheit, Wetterfühlichkeit, schlechte Gene, miese Kollegen, falsche Lebenspartner – es gibt viele Gründe, und nicht alle sind "gesellschaftsfähig". So ganz selbstverständlich ist es immer noch nicht, wenn nicht nur für körperliche Leiden ein Arzt aufgesucht wird, sondern auch für seelische. Sich ständig vor Krankheit zu fürchten, ist eine solche, eine psychiatrische Behandlung also sinnvoll, um wieder ein angstfreies Leben zu führen. Auch wenn sie "nichts Richtiges" haben, wie sie selbst sagen, muss ein Arzt sie ernst nehmen und untersuchen.
"Leichte Hypochonder sagen meist, dass sie stark hypochondrisch sind, nur schwere Hypochonder sagen, dass sie leicht hypochondrisch sind. Das macht nichts, sage ich dann immer, Hypochonder leben länger. ... Wer stark besorgt um seine Gesundheit ist, der übersieht keine Krankheitszeichen und geht frühzeitig zum Arzt."

Vom Leid der Hochbegabung

Man erfährt viel Wissenswertes über Körper und Seele in diesem Buch, aber auch über herablassende Mediziner, über Krankheiten, die es früher genauso wie heute gegeben haben muss, nur unerkannt, über Frauen, die in Ohnmacht fielen und mit Riechsalz wieder wach wurden, über Ärztekollegen und Kostenträger, Klischees und Tabus. Und über das Phänomen "populärer Diagnosen": Wenn beispielsweise Eltern mit ihren Kindern zu ihm in die Praxis kommen und von vornherein ganz genau wissen, was los ist: "Mein Kind leidet an Hochbegabung und Hypersensibilität".
Jakob Hein erzählt ernsthaft und humorvoll, urteilt niemals spöttisch oder verächtlich, sondern mit einer großen Portion Verständnis für menschliche Ängste und Defizite. Er kritisiert vordergründiges Expertentum und plädiert für Selbstbestimmung von Patienten, Eigenverantwortung und Dialog auf Augenhöhe. Aber er verteilt auch heitere Seitenhiebe, zum Beispiel gegen Chirurgen, die vom "patientenzentrierten Gequatsche" nichts halten – es sei denn, da gibt es auf ihrer Station einen Fall, bei dem sie nicht weiter wissen.

Schubladen und Zauberstäbe

Er bricht sogar eine Lanze für den sogenannten Placeboeffekt, der nicht nur für Pillen gilt, in denen definitiv kein Wirkstoff drin ist, sondern:
"Es gibt kein Medikament ohne ihn ... Die Placebowirkung ist die wertvolle kostenlose Zusatzwirkung jeder guten Medikation und der einzige positive Effekt einer wirkungslosen."
Diagnosen begegnet er mit Skepsis, öffnen sie doch vor allem Schubladen, in die man Symptome stecken kann, ohne genauer nachzufragen. Er selbst hätte ganz gern manchmal einen Zauberstab oder ähnlich Wunder bewirkende Instrumente:
"Aber trotz Jahrzehnten von Forschung, Dutzender verschiedenster Theorien und Erfahrungen in der Behandlung Tausender von Patientinnen und Patienten konnte kein Zauberspruch gefunden werden, der auf geheimnisvolle Weise den Bann bricht und den Patienten ohne sein Zutun von seinem Leiden erlöst."
Aber immerhin: Einen Mülleimer für Schuldgefühle, den gibt es in seiner Praxis.
(Christiane Schwalbe)

Jakob Hein, *1971 in Leipzig, Psychiater und Autor zahlreicher Bücher, lebt seit 1972 in Berlin

Jakob Hein "Hypochonder leben länger
und andere gute Nachrichten aus meiner psychiatrischen Praxis"
Galiani Berlin 2020, 240 Seiten, 20 Euro
eBook 16,99 Euro

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