David Höner
Kochen ist Politik
Warum ich in den Dschungel gehen musste, um Rezepte für den Frieden zu finden

Nicht nur Liebe geht durch den Magen, auch das Verständnis für andere Kulturen. Und wenn die Flüchtlingsbewegung in Deutschland uns eines gelehrt hat, dann dies: Du musst die Sprache nicht sofort können, du kannst dich mit Händen und Füßen verständlich machen, aber du kannst zusammen kochen.

 

David Höner, Kochen ist Politik, Westend-VerlagCoca in Putumayo

Wenn es einen Herd gibt oder ein Feuer und Holz, dazu Gemüse, Nudeln, Reis und ein paar Gewürze, wenn man gemeinsam schnippelt und köchelt und anschließend beim Essen zusammen sitzt, dann wird Verständnis plötzlich ganz einfach. David Höner ist den umgekehrten Weg gegangen, zunächst nach Kolumbien, im Auftrag einer politischen Nachrichtensendung des Schweizer Fernsehens für eine Reportage über den Kampf gegen Drogenhandel und Coca-Anbau. Das Team recherchierte im Grenzgebiet von Ecuador und Kolumbien, in Putumayo, dort, wo Menschen Angst haben, von der Guerilla oder paramilitärischen Einheiten ins Visier genommen und ermordet zu werden. Arme Bauern leben hier vom Kokainanbau, es gibt nichts anderes, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Höner trifft Einheimische, und diese Erfahrung ist die Initialzündung für "Cuisine sans Frontière – aber:
"Das erste gastronomische Projekt am Grenzfluss zwischen Ecuador und Kolumbien … kam über die Planungsphase nicht hinaus. Schnell stellte sich heraus, dass ich mir viel zu blauäugig ein schwieriges Kriegsgebiet ausgesucht hatte. Es war einfach zu gefährlich."

Über Stammesfehden hinweg

Andere Projekte sind den Geldgebern zu riskant – vor einer Reise nach Tschernobyl trifft sich Höner mit einer Vertreterin von 'Brot für die Welt': "Als ich die Frage …'und gibt es denn bereits ein einziges solche Restaurant, das von euch gebaut wurde?', verneinen musste, klappte sie ihr Notizbuch zu."
Höner hat viele Klinken geputzt, sich viele Körbe eingehandelt, aber er blieb hartnäckig. Für Kochen ohne Grenzen wird er politischer Aktivist, der in Krisenregionen der Welt gemeinsam mit Einheimischen Bars, Kneipen und Restaurants aufbaut, sie animiert, sich selbst zu helfen, mit Koch- und Küchenprojekten Menschen zusammenführt, feindliche Volksgruppen über Stammesfehden hinweg an einen Tisch bringt, für eine bessere Ernährung von Kindern sorgt. Kein leichtes Unterfangen, denn es gab nicht nur Kopfschütteln und mitleidiges Schulterklopfen, sondern auch Widerstände vor Ort, nicht nur in Afrika:
"Mit der Hinterlassenschaft der europäischen Kolonialkonzepte ist das gesamte Gefüge von Stammeszugehörigkeit und sozialen Verbindlichkeiten in eine Schieflage geraten. Die außerafrikanischen Geschäftemacher haben den Rassismus nicht ins Land gebracht, den gab es schon vorher, doch die Zeichen weißer Vorherrschaft sind zu Merkmalen erfolgreicher Karrieren gemacht worden. … Entscheidungsträger in der Entwicklungszusammenarbeit gehören mit in dieses Geflecht von Business, Postkolonialismus und internationaler Vernetzung."

Kochen als Entwicklungsarbeit

Kochen wird Entwicklungsarbeit, auf regelmäßigen "Kitchen Battles" werden Spenden gesammelt, die Idee setzt sich durch, die Menschen vor Ort greifen sie auf – u.a. in Kolumbien, Brasilien, Kenia, Ecuador, Kongo, Georgien. Cuisine sans Frontière wird doch noch eine Erfolgsgeschichte, nicht zuletzt wegen unkonventioneller Spender und mutiger Helfer, die an Improvisation glauben:
"Die konkreten Abklärungen vor einem Cuisine-Projekt – und ich wage zu behaupten, vor jedem möglichen Vorhaben in der Entwicklungspolitik – sind kaum zuverlässig zu leisten. Es sei denn, man setzt sich Ziele, die vom eigenen Kulturbereich gegeben sind …"
Strom zum Beispiel, der nicht immer selbstverständlich aus der Leitung kommt:
"Den Strom brauchten wir, um Wasser zu pumpen, und hätten gerne noch einen Kühlschrank angehängt. … Kleine Sonnenkollektoren auf dem Dach brachten nur ein paar Glühbirnen zum Glühen."

Orte der Begegnung

Höners Buch erzählt von Niederlagen und Erfolgen, von der Mühsal, Geld zusammenzubringen, von den Menschen in Krisengebieten, die aus der Apathie einer scheinbar ausweglosen Situation herausfinden und Bars eröffnen, kleine Restaurants, Gemeinschaftsküchen – Orte nicht nur des Kochens und Essens, sondern der Begegnung, der gemeinsamen Gespräche und des wachsenden Verständnisses füreinander.
"Der Eintopf aus Bohnen und Mais aus Kenia, die Pansensuppe aus San Josecito, der im Blatt gegarte Fisch vom Amazonas oder die eingelegten Pilze aus den Wäldern um Tschernobyl … Essen ist Heimat, Erinnerung und in jedem Fall verknüpft mit einer existentiellen Befriedigung, die unvergleichlich ist."
Der unermüdliche Koch und Journalist erlebt ungewöhnliche Geschichten, und er schreibt darüber mit viel Empathie - spannend, unterhaltsam und informativ. Höner ist Idealist, Abenteurer, Romantiker - vor allem aber ist er ein leidenschaftlicher Kämpfer, den ein Rückschlag nicht so schnell umhauen kann. Mit einer ungewöhnlichen Idee, viel Engagement, Zähigkeit und einem großen Kreis von Helfern ist es ihm gelungen, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen: Kochen für den Frieden.
(Christiane Schwalbe)

Wer mehr erfahren, mitmachen oder helfen will: https://www.cuisinesansfrontieres.ch

David Höner, *1955 in der Schweiz, Koch, Küchenchef und Caterer, langjährige Auslandsaufenthalte, dabei journalistisch seit 1990 für Radio, Fernsehen und Printmedien tätig, Autor von Hörspielen, Radiofeatures und Theaterstücken

David Höner "Kochen ist Politik"
Warum ich in den Dschungel gehen musste, um Rezepte für den Frieden zu finden
Westend-Verlag 2019, 256 Seiten, 24 Euro
eBook 17,99 Euro